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Projekt für die 39. Duisburger Akzente, Premiere am 17.3.2018, Duisburg, Landschaftspark Nord

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ANNA POLITKOWSKAJA – EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU

von Stefano Massini
Konzert Theater Bern

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Termine:
sogar theater, Zürich

20., 21., 22., 26., 27., 28., 29. September 2017

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Kellertheater Bremgarten

13. Januar 2018

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Kellertheater Winterthur

14., 17., 19., 20. Januar 2018

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REGIE

2018. THE WORLD DIES SCREAMING

Premiere: 16.3.2018, Gebläsehalle im Landschaftspark Nord, Duisburg
Duiburger Akzente 2018

Mit: Philine Bührer, Sabine Osthoff, Manuel Sieg
Inszenierung: Jennifer Whigham, Jens Kerbel
Ausstattung: Jonas Wüstefeld
Video: Halil Özet
Dramaturgie: Kristina Wydra

Pressestimmen:

Die Menschheit führt Krieg gegen die Erde

(…) Aber schön sollte der Abend ganz sicher nicht sein. Angenehm für die Ohren vielleicht, aber nicht für das Gewissen. Die Regisseure Jens Kerbel und Jennifer J. Whigham hatten mit Philine Bührer, Sabine Osthoff und Manuel Sieg drei Schauspieler gewonnen, die die sanften Orchesterklänge direkt und ohne Schönmalerei konterkarierten. Mit Gasmasken und Tarnanzügen schlichen sie sich auf die Bühne und kamen ohne Umschweife auf die „Endzeit der Sonne“ zu sprechen. Spätestens da war klar, um welche Art Krieg es in „The World Dies Screaming“ geht: den der Menschheit gegen die Erde. Die Waffen sind die Erderwärmung, Umweltverschmutzung und andere Kaliber. Dass zu den dunklen Prophezeihungen der Schauspieler wunderschöne Naturaufnahmen über die Leinwand flimmerten, gab dem Abend eine beißend ironische Note. (…) „The World Dies Screaming“ war ein vielseitiger, monumentaler Abend. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen Musik und Bild und dem Text der Schauspieler bot viele Details, in denen sich eigene Gedanken verlieren konnten, und kleine Momentaufnahmen des Vernichtungskrieges der Menschheit gegen sich selbst, die dem Horror ein Gesicht gaben. Geretten wird die Erde dadurch sicher nicht. Aber es ist ein Anfang.

WAZ, 19.3.2018 Jonas Schlömer

Klimawandel als Dritter Weltkrieg?

Jens Kerbel und Jennifer Whigham (Konzept und Regie) sowie Philine Bührer, Sabine Osthoff und Manuel Sieg (Schauspiel) machten uns hier eindringlich klar, dass wir nicht einfach so weitermachen können, wenn täglich 200 Tierarten aussterben. Videos von verzweifelten Eisbären, aber auch von der eigentlichen Schönheit unserer Mutter Erde unterstrichen die Botschaft. Letztlich emotional angesprochen wurden wir durch das Klangkraft-Orchester Duisburg unter seinem vorzüglichen neuen muskalischen Leiter Henry Cheng. (…) Am Ende war jeder Besucher unweigerlich zumindest zum Nachdenken gebracht, als zu dem grenzenlos optimistischen Finale von Beethovens Fünfter auf der Leinwand komplett zugemüllte und dadurch tote Gewässer zu sehen waren.

RP Online, 19.3.2018 Ingo Hoddick

ANNA POLITKOWSKAJA – EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU

von Stefano Massini

Premiere: 7.1.2017
Konzert Theater Bern

Termine: 24. Januar 2017, 14.00 & 19.30 Uhr, 31. Januar 2017, 19.30 Uhr, 13. Februar 2017, 14.00 Uhr, 15. Februar 2017, 14.00 & 19.30 Uhr

Mit: Kornelia Lüdorff
Inszenierung: Jennifer Whigham
Bühne: Janine Fischer
Kostüme: Milena Hermes
Dramaturgie: Michael Gmaj

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Pressestimmen:

«Jennifer Whigham folgt mit ihrer Inszenierung einer schlichten, klaren Linie – die zwar nicht ohne didaktischen Fingerzeig auskommt, wenn zur Veranschaulichung historischer Daten Plakate dienen. Doch weist ihr geradliniges Regiekonzept eine zwingende Korrespondenz mit der Persönlichkeit Anna Politkowskajas auf, der Journalistin mit deutlichem Berufsethos und einem bezwingenden Charisma. So stellt die Interpretation dieser Figur eine Herausforderung dar, der sich Kornelia Lüdorff überzeugend gestellt hat: mit dem Mut zu Einfachheit und Zurückhaltung.»
NZZ, Beatrice Eichmann-Leutenegger, 9. Januar 2017

«Auszüge aus Reportagen wechseln sich ab mit Interviews mit Kriegsteilnehmern, Verhandlungen mit Geiselnehmern und Telefonaten mit dem Sohn. Alles wahr – und so lebendig inszeniert (Regie: Jennifer Whigham), dass das Publikum bald mitleidet. (…) Schauspielerin Kornelia Lüdorff gibt Anna Politkowskaja mal kämpferisch, mal resigniert, mal rastlos, mal zynisch. (…) Und dann tigert sie wieder in ihrem kargen Zimmer herum, wo es ausser Buchstaben keine Ablenkung gibt. Versorgt sich mit Wasser aus dem Kanister. Verwandelt die einfachen Leinwandstellwände zu einem Bett. Nutzt sie zum Anpinnen von Artikeln, Karten, Bildern. Doziert etwas altklug zu russischer Geschichte und Geografie. Das ist jetzt Frontalunterricht – und der passt sehr gut zum russischen Regime. Auswendiglernen erwünscht, Zweifeln und Nachfragen nicht erlaubt. Heute mehr denn je.»
BZ, Marina Bolzli, 8. Januar 2017

DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK

Premiere: 2.3.2016, Konzert Theater Bern

Fassung: Jennifer Whigham, Eva-Maria Bertschy

Mit: Deleila Piasko
Inszenierung: Jennifer Whigham
Bühne: Janine Fischer
Kostüme: Maya Däster
Musik, Komposition: Marcel Zaes
Dramaturgie: Franziska Ruoss

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Pressestimmen:

« (…) Die Theaterinszenierung hingegen kommt mit ein paar gestapelten Kartonschachteln als Bühnenbild aus. Sie setzt ganz auf die Tagebuch-Texte. Durch diese Reduktion gewinnt die Figur Anne Frank an Kontur und es wird klar, warum ihre Geschichte auch 70 Jahre nach dem ersten Erscheinen des Tagebuchs noch erzählt werden kann, ja muss.» Nino Gadient, SRF Kultur, 3.März 2016

«Mit Deleila Piasko tritt eine Schauspielerin auf, deren Bühnenpräsenz mit der ungeheuren Intensität der Texte der jungen Heldin absolut mithalten kann. Da verglüht eine förmlich an ihren Sehnsüchten (…) Im schlichten Bühnenbild aus vielen grossen Umzugskartons (Ausstattung: Janine Fischer) lässt Jennifer Whigham ihre Protagonistin herumwirbeln. Immer wieder verschiebt Deleila Piasko die Kisten um sie herum, turnt auf ihnen auch mal mit lasziven Table-Dance-Bewegungen, hantiert mit einer Stalllaterne wie mit einem Maschinengewehr, greift zum Mikrofon, zerfetzt Kartons und schreit aus Leibeskräften.» Der Bund, Brigitta Niederhauser, 04. März 2016

« (…) Es gelingt dem Team um Regisseurin Jennifer Whigham, den Text überzeugend in seelisch gefüllte und gefühlte Wirklichkeit hinüberzuführen, so dass die Aufführung von Anfang an durch ihre Unmittelbarkeit überzeugt und auch die Frage beantwortet, warum denn Bern „auch noch“ die Anne Frank „machen“ müsse: Weil Bern eben eine Anne Frank hat. Die Zurückhaltung und Distinktion, durch die sich die Produktion auszeichnet, findet sich wieder in der Komposition von Marcel Zaes. Der Musiker sitzt an einem kleinen Mischpult auf der Bühne und bringt durch diskrete Betätigung von Reglern Klopf- und Kratzgeräusche hervor, die den Raum evokativ beleben, ohne je das Gesprochene platt zu illustrieren. In diesem sichtbar-unsichtbaren Mitspieler wird die stumme Gegenwart der abwesenden Wände, Türen und Möbel greifbar, die als ungerührte Zeugen dem Geschehen beiwohnen und unverwandelt zurückbleiben, als die acht versteckten Juden abgeholt und dem Tod zugeführt werden. »Die Stimme der Kritik, 4. März 2016

«Man nimmt Deleila Piasko den Teenager in jeder der achtzig Minuten ab. Es gelingt ihr, die Widersprüche und die Unverstandenheit, die Jugendliche umtreiben, mit gut dosiertem Augenrollen und anderen alterstypi­schen Ausdrucksmitteln zum Tragen zu bringen.  Der stimmig von Eva-Maria Bertschy, Jennifer Whigham und Franziska Ruoss zusammengekürzte Text zeigt Anne Frank als Jugendliche mit normalen Problemen – die aber immer wieder kluge Dinge in ihr Tagebuch schreibt.» Berner Zeitung, Michael Feller, 04. März 2016

„Anne Franks Geschichte muss heute erzählt werden“
von Nino Gadient, März 2016
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DER HIMMEL ÜBER DER RUHR

Eine Heimatsuche in Bildern, Texten und Tönen zur Eröffnung der 
36. Duisburger Akzente
Premiere: 6.3.2015, Gebläsehalle im Landschaftspark Nord, Duisburg

Konzept, Regie: Jens Kerbel, Jennifer Whigham
Textfassung: Jennifer Whigham, Kristina Wydra
Bühne: Gesine Kuhn
Mitarbeit Bühne: Veronika Bischoff
Kostüme: Sigrid Trebing
Musikalische Leitung: Peter Engelhardt
Video: Halil Özet
Chorleitung: Annegret Keller-Steegmann und Benny Martell
Dramaturgie: Kristina Wydra

Mit den Spielern Bettina Marugg, Sabine Osthoff, Tatjana Pasztor, Hilmi Sözer, den Musikern Jim Campbell (Electronics), Peter Engelhardt (Gitarren, Vocals) Mirjam Hardenberg (Cello, Vocals), Volker Kamp (Bass, Vocals), Stefan Lammert (Drums) und mit Kindern und Jugendlichen aus Duisburg und dem Oberstufenensemble der Lise-Meitner-Gesamtschule.

Pressestimmen:

Mit einer vielschichtigen Inszenierung aus Bildern, Texten und Tönen sowie zahlreichen Akteuren wurden die 36. Duisburger Akzente in der Gebläsehalle des Landschaftsparks eröffnet.

Nachdem die Eröffnung der Duisburger Akzente im vergangenen Jahr an das Theatertreffen gekoppelt wurde, konnten die Organisatoren um Kulturdezernent Thomas Krützberg und Festivalleiter Frank Jebavy die 36. Ausgabe des renommierten Kulturfestivals wieder mit einer eigenen Eröffnungsveranstaltung starten. Der Auftakt fand am Freitagabend nach sieben Jahren Abstinenz mal wieder im Landschaftspark statt. Damals, 2008, wie heute, führten die Bonner Theatermacher Jennifer Whigham und Jens Kerbel Regie bei der Eröffnungsinszenierung.

„Lassen Sie die Akzente erneut zu dem werden, was sie sind: nämlich ein Forum für alle, die Emotionen, Fragen und Debatten – diesmal zum Thema Heimat – anstoßen wollen“, forderte Oberbürgermeister Sören Link in seiner Begrüßung die geladenen Gäste des im Foyer der Gebläsehalle stattfindenden Empfangs auf. Zugleich erinnerte er daran, dass sich derzeit rund 50 Millionen Flüchtlinge weltweit aus ihrer Heimat vertrieben auf der Suche nach Sicherheit und Menschenwürde befänden.

Flucht und Vertreibung, die Suche nach Arbeit und Geborgenheit, Orte des Geborenseins und Wohnens, der Blick zurück nach vorn und in das Innere des Menschen: von alledem handelt die Auftragsproduktion der diesjährigen Akzente-Eröffnung „Der Himmel über der Ruhr“. Sowohl in Anlehnung an den Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ als auch an das einstige Wahlkampfmotto von Willy Brandt „Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden“, steht das Ruhrgebiet im Allgemeinen und Duisburg im Besonderen im Zentrum der musikalisch-theatralischen Heimatsuche des Regiegespanns Whigham/Kerbel. Auch hier wird – wie bereits im Wenders Film – die Handlung von Peter Handkes Gedicht „Lied Vom Kindsein“ umrahmt, das Schauspielerin Tatjana Pasztor hier über Video einspricht.

Auf der Bühne indes tummeln sich rund 60 Mitwirkende, darunter neben Pasztor die Schauspieler Bettina Marugg, Sabine Osthoff und Hilmi Sözer, eine fünfköpfige Band um den Oberhausener Gitarristen Peter Engelhardt, sechs Kinder aus Duisburg, 28 Jugendliche des Oberstufenensembles der Lise-Meitner-Gesamtschule sowie ein Gospelchor aus Moers. Um das „Daheim“ der Erzählreise zu verorten hat Gesine Kuhn die Bühne mit zig Wohnzimmer- und Tischlampen bestückt und diese am Boden mit weißen Rechtecken umrahmt. Dieses Mosaik mutet an wie das Ruhrgebiet, das aus 52 aneinandergereihten Städten und Gemeinden einst als Montanregion gegründet wurde. Passend das Thema Kohle und Stahl aufgreifend, begeben sich die Protagonisten zu Beginn der Heimatsuche mit Grubenlampen ausgestattet, auf der nach unten führenden Treppe an der Rückwand der Gebläsehalle wie in einem Bergwerkstollen in die Tiefe – und damit eintauchend in die Geschichte des Reviers.

Neben dem Handke-Text verlesen die Schauspieler Antworten von Duisburgern auf Fragen einer Postkartenaktion, die im Vorfeld durchgeführt wurde, wie beispielsweise „Was bedeutet Heimat?“ oder „Wie fühlt sich Heimat an?“ Gerade mit diesen Texten wird die Vielschichtigkeit des Begriffs Heimat deutlich, der neben bio- und geografischen Koordinaten auch kulturelle und soziale Perspektiven beinhaltet. „Wo gehen wir denn hin“, wird nach gut einer Stunde Aufführung zum Schluss gefragt. „Immer nach Hause“, wird darauf Novalis zitierend geantwortet. Und das machten vermutlich auch die meisten Besucher nach der Vorstellung.
Rheinische Post, 16. März, Olaf Reifegerste

 

TUVALU – EINE REISE IN DIE WELT DER TRÄUME

nach einem Film von Veit Helmer
Eine Produktion von P E T projects
Premiere: 14.3.2014 im Rahmen des Festivals Duisburger Akzente 2014
Mit: Sabine Osthoff, Konstantin Lindhorst, Jens Kerbel und Kindern aus Duisburg
Fassung: Jennifer Whigham, Kristina Wydra

Inszenierung: Jennifer Whigham und Jens Kerbel
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Sigrid Trebing
Dramaturgie: Kristina Wydra

Pressestimmen:

Theater-Reise auf der Suche nach Glück
DUISBURG. Die Akzente-Auftragsproduktion „Tuvalu“ hatte ihre Uraufführung in der Liebfrauenkirche. Großes Lob für die komödiantisch ebenso wie melancholisch glänzend aufspielenden Schauspieler.

Nach 2008 („Ich sehe was, was du nicht siehst“), 2010 („Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“) und 2012 („Die Entdeckung der Langsamkeit) ist „Tuvalu“ die vierte Akzente-Arbeit von Jennifer Whigham und Jens Kerbel. Gerne adaptieren die beiden in Bonn lebenden freien Theatermacher Roman- oder Drehbuchvorlagen und stellen sie auf die Bühne. Was aber tun, wenn es in einem Film keine gesprochene Sprache gibt, so wie bei dem 1999 gedrehten Spielfilm „Tuvalu“ von Veit Helmer? Ihre künstlerische Antwort darauf ist eine Art Live-Hörspiel als Erzähltheater unter Verwendung weiterer Fremd-Texte. So kommen in der rund 75-minütigen szenischen Installation, wie das Regiegespann seine Inszenierung nennt, neben der Filmerzählung Veit Helmers auch Geschichten und Gedichte von Autoren wie Paul Auster, Rolf Dieter Brinkmann, Erich Fried, Hermann Hesse, Ernst Jandl, Franz Kafka, Christoph Meckel und Haruki Murakami zu Gehör.

Der Akzente-Auftragsproduktion dramaturgisch vorangestellt, zitiert das Regie-Duo ein Gedicht von Mascha Kaléko, das die Kernbotschaft seiner Inszenierung postuliert: „Man braucht nur eine Insel allein im weiten Meer. Man braucht nur einen Menschen, den aber braucht man sehr.“ Und schon sind Whigham und Kerbel beim Plot des Films, der ein skurril bis groteskes Liebesmärchen über den jungen Bademeisterassistenten Anton und die 18-jährige Eva erzählt.
Für sie wie für viele weitere Rollen hat das Regieteam die komödiantisch ebenso wie melancholisch glänzend aufspielenden Schauspieler Sabine Osthoff und Konstantin Lindhorst engagiert und zusätzlich sechs Kinderstatisten szenisch eingesetzt. In dieser Konstellation wird die „Reise in die Welt der Träume“, wie es im Untertitel heißt, zu einer wie mit Kinderaugen staunenden bis kindlich-naiven Erlebniswelt, die ihre sinnlichsten Momente immer dann hat, wenn die Liebe, das Glück und die Sehnsucht der beiden Protagonisten als fantastisches Kinderspiel daherkommen. „Sie ist für mich das hundertprozentige Mädchen“, sagt Anton und bereitet im Finale alles vor, mit seiner Eva und der Kinder-Crew Kurs auf die Insel Tuvalu im Pazifischen Ozean zu nehmen. Das alles spielt sich im Film in einem heruntergekommenen Schwimmbad ab. Für das Theater hingegen dient als Kulisse die ehemalige, mittlerweile umgebaute Liebfrauenkirche. Hier hat Bühnenbildnerin Gesine Kuhn eine imaginäre Badeanstalt geschaffen, in der Wasser und Startblöcke eines markierten Schwimmbeckens mit Kreide eingezeichnet werden. Fantasie ist eben alles – auch bei der „Wikipedia“-Beschreibung, wie sich die geliebte Insel Tuvalu wohl anfühlt. Da reicht ein mit Sand gefüllter Koffer gepaart mit ein paar „Aloha-Oe“-Klängen – und das Glücksgefühl von Anton und Eva schwelgt, ebenso wie das des Publikums.

Rheinische Post, 17. März 2014, Olaf Reifegerste

Inszenierung erschafft ein altes Bad in der Liebfrauenkirche
DUISBURG.  Tuvalu ist ein Inselstaat im Stillen Ozean. Der Ort ist Ausdruck tiefer Sehnsucht, Zufluchtsort in der Fantasie. „Tuvalu. Eine Reise in die Welt der Träume“, heißt das Stück von Jennifer Whigham und Jens Kerbel, das die beiden für die Akzente inszeniert haben. Es ist eine poetische Collage.

Für die szenische Installation interpretieren die Regisseure den Stummfilm „Tuvalu“ von Veit Helmer und legen den Protagonisten Anton (Konstantin Lindhorst) und Eva (Sabine Osthoff) Text-Fragmente etwa von Haruki Murakami, Franz Kafka, Ernst Jandl und Wikipedia in den Mund. So gelingt eine poetische Collage, in denen die Fragen nach Neubeginn, Festhalten an Althergebrachten und Sehnsüchten aufgeworfen wird.

Die Zuschauer werden von Kindern in gelben Regenhosen begrüßt und zu ihrem Platz in der Liebfrauenkirche geführt. Die Geschichte spielt in einem heruntergekommen Schwimmbad . Mit einfachen Mitteln verwandeln die Darsteller den Kirchenboden in ein öffentliches Bad. Anton zeichnet mit Kreide Startblöcke auf den Boden. Dann nimmt er Anlauf, springt ins Becken – und landet polternd auf dem Allerwertesten. Klar, es muss ja noch Wasser ins Becken gefüllt werden. Mit stetig-rauschemden „Schsch“ malen die Kinder Wellen auf den Boden. So lässt es sich direkt leichter plantschen. Eva bekommt sogar extra eine Leiter aufgezeichnet, an der sie hinuntersteigen kann.

Publikum in der Liebfrauenkirche verzückt
Antons Vater Karl hängt am Schwimmbad. Der alte Mann ist fast blind und Anton es nicht übers Herz bringt, ihm die Wahrheit zu sagen, schaltet er jedes Mal ein Tonbandgerät ein, auf dem Stimmengewirr und Rauschen zu hören ist – wie in guten Tagen, als das Schwimmbad belebt war. Antons Bruder Gregor will das Bad hingegen am liebsten abreißen lassen, für ihn bedeutet Glück vor allem Profit. Eva träumt, wenn sie das Wasserrauschen hört, von der Ferne, von einem Neuanfang auf Tuvalu. „Man braucht nur eine Insel allein im weiten Meer. Man braucht nur einen Menschen, den aber braucht man sehr“, zitiert Konstantin Lindhorst in seiner Rolle als Anton die Lyrikerin Mascha Kaléko. Die Kinder spielen in dieser Szene mit kleinen Papierschiffchen und singen „Aloahe“. Tuvalu steckt in einem Koffer. Er ist gefühlt voller Sand, in dem eine Palme steckt. Es sind diese kleinen Einfälle, die das Publikum in der Liebfrauenkirche so verzücken. Oder, wie Eva sagt: „Wirklichkeit ist niemals genug, Zauber tut not.“

Das fantasievolle Stück passt hervorragend in die alte Kirche, die auch ein Ort zwischen Vergangenheit und Aufbruch symbolisiert. Neben den klug ausgewählten Sätzen, begeistern die Darsteller mit ihrem reduzierten Schauspiel. Eine Reise zum Träumen.
WAZ, 16. März 2014, Fabienne Piepiora

MÄNNERHORT

von Kristof Magnusson

Premiere: 21. September, 2013, Theater Dortmund
(Eingeladen zum Südtiroler Kulturinstitut in Brixen und Meran, Februar 2014)
Mit: Andreas Beck, Ekkehard Freye, Frank Genser, Sebastian Kuschmann
Inszenierung: Jens Kerbel und Jennifer Whigham
Bühne und Kostüme: Larissa Hartmann
Licht: Rolf Giese
Dramaturgie: Dirk Baumann

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Pressestimmen:


… Jens Kerbel und Jennifer Whigham inszenieren das Werk temporeich und mit einiger Lust zur Überzeichnung (…). Die Dortmunder Version wurde passgenau den Verhältnissen des benachbarten Konsumtempels angepasst. (…) Und wenn auch die eigene Frau nicht die weiße Hose gleich fünf Mal kauft wie Lars’ Frau Anne, so kennt doch jeder Mann Debatten darüber, ob die Bluse gut aussieht oder nicht. (…) Und dann sind da vier Komödianten, (…). Wenn dieses Quartett mal wieder etwas vor der Tür zu hören glaubt und Deckung sucht, dann fallen sie in Vorstufen des Menschen zurück, kreischen und grunzen. (…) ein Spektakel mit vollem Körpereinsatz.

Ruhrnachrichten, 24.9.2013, Ralf Stiftel

Wüstchen und ihr Ego, „Männerhort“ im Schauspiel: Beste Unterhaltung aus den Katakomben der Thier-Galerie … Regie mit gutem Händchen Jens Kerbel und Jennifer Whigham haben inszeniert. Mit einem Händchen für Situationskomik und blendendem Gespür für das komödiantische Temperament der Darsteller. … Allerbeste Unterhaltung, mitunter „Screwball“-Qualität.
WAZ, 23.9.2013, K.U. Brinkmann

… Bei der Charakterisierung der Männer hat Magnusson tief in die Klischeekiste hineingegriffen und Pizza, Bier und Fußball herausgeholt. Dass die Premiere nicht in diesem Schwarz-Weiß-Schema stecken blieb, ist der Regie von Jens Kerbel und Jennifer Whigham zu verdanken. Die bestens aufgelegten Schauspieler verstanden es außerdem, auch die tragischen Seiten des Stückes gut darzustellen. (…) Das Regiedu haben das Einkaufszentrum (Thier Galerie), das nur 200 Meter vom Studio entfernt liegt, als aktuelles Vorbild genommen, beispielsweise sind die Namen der Läden reale. (…) Die Chemie zwischen den vier Schauspielern stimmte. (…) Whigham und Kerbel haben das ursprüngliche Happy-End verändert. Die, die sich sonst als pfiffige Gewinner darstellen, stehen plötzlich vor den Trümmern ihres Lebenstraums.
ars-tremonia.de, 22.09.2013

… Dennoch hat das Dortmunder Regie-Duo Jennifer Whigham („Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“) und Jens Kerbel Hand an die Vorlage gelegt, allzu unterirdische Witze gestrichen und den Schluss geändert, bei dem nun letzte Männer-Wahrheiten ans Licht befördert werden im Angesicht des drohenden Frauen-Einmarsches. Das hat, umjubelte Premiere war am 21. September 2013 im intimen Studio, der bisweilen allzu oberflächlichen Vorlage gut getan. Dem Regie-Duo ist es in der zwar schrägen, aber dennoch sehr konkreten Ausstattung Larissa Hartmanns gelungen, den absurden Witz der Komödie herauszuarbeiten. Mit kluger Rhythmisierung, präzisem Timing, reichlich Slapstick und der Visualisierung „des“ Männertraums von einer eierlegenden Wollmilchsau (als einfühlsame Sexbombe: Hannah Bünemann). Und nicht zuletzt mit einem wie gewohnt lustvoll-präsenten Ensemble.
Sonntagsnachrichten Herne, 9.2.2014, Pitt Hermann

WAISEN

von Dennis Kelly
Deutsch von John Birke
Premiere: 8. Mai 2013, Theater Bonn

Mit: Johanna Wieking, Grégoire Gros, Nico Link
Inszenierung: Jennifer Whigham
Bühne: Elena Köhler
Kostüme: Caroline Martiny
Licht: Lothar Krüger
Musik: Lars Figge
Dramaturgie: Almuth Voß

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Pressestimmen:

Beklemmende „Waisen“-Inszenierung

… Dennis Kellys Drama „Waisen“, das das Theater Bonn jetzt in einer Inszenierung von Jennifer Whigham präsentiert, könnte ohne weiteres Ausgangsbasis für einen typischen Sonntagabend-Krimi sein (…)

Alles passt: Das Setting ein gutbürgerliches Haus in einem rauen Viertel, darin der sich in ständig neue Widersprüche verstrickende Liam (Grégoire Gros), der zu Beginn des Stücks blutüberströmt auf die Bühne kommt und – wie sich herauskristallisiert – einfach so einen arabischen Mitbürger zusammengeschlagen und gefoltert hat; dessen ihn bis aufs Äußerste verteidigende Schwester Helen (Johanna Wieking), die zur Vertuschung des Ganzen vor nichts zurückschreckt; und schließlich der grundsolide und doch so manipulierbare Ehemann Danny (Nico Link), der gegen Ende zum Mittäter wird und damit endgültig den ohnehin brüchigen Glauben in eine gerechte Welt verliert.

… Auf der schlicht gestalteten Bühne der Theater-Werkstatt liefern die drei Schauspieler dieses Psycho-Dramas eine hervorragende Leistung ab. … Die eigentlich angestrebte natürliche Ausdrucksweise fällt durch den vorherrschenden übertriebenen Fragmentarismus immer wieder einer Kunstsprache zum Opfer. Wer sich daran allerdings nicht übermäßig stört, wird von „Waisen“ und vor allem von den beeindruckenden Schauspielern unweigerlich in den Bann gezogen.
General Anzeiger, 11. Mai 2013, Thomas Kölsch

DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS

Deutschsprachige Erstaufführung
von Mike Daisey
Deutsch von Jennifer Whigham und Anne-Kathrin Schulz
Premiere: 3. November, 2012, Theater Dortmund

(Eingeladen zum Festival “Maximierung Mensch”, Theater Trier, Juni 2013 und zum Duisburger Akzente Festival, März 2014)
Wiederaufnahme in der Spielzeit 2014/15
Mit: Andreas Beck
Inszenierung: Jennifer Whigham
Ausstattung: Antonella Mazza
Licht: Rolf Giese
Dramaturgie: Anne-Kathrin Schulz

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Pressestimmen:

… Die Regisseurin Jennifer Whigham hat einen idealen Kommunikationsraum geschaffen. Es gibt keine Bühne, das Publikum sitzt zwischen Regalen voller Kartons mit Computermüll und Spielzeugen. (…) Der Text ist nicht auf Pointen hin geschrieben, es ist kein politisches Kabarett. Manchmal imaginiert Andreas Beck Szenen und spielt sie leicht karikierend vor, zum Beispiel wenn der Apple-Aufsichtsrat nach Jahren des Misserfolges den zuvor geschassten Steve Jobs wieder zurück holt. Doch im Kern ist es Aufklärungstheater, Wissensvermittlung mit hohem Unterhaltungsfaktor, eine Theater-Lecture, die nah dran bleibt an den Gedanken Mike Daiseys. (…) Das Ende ist wuchtig, emotional, agitatorisch. Der eigentliche Skandal sei nicht, das Apple die ’neue Sklaverei‘ in China in Kauf nehme, sondern dass wir davor die Augen verschlössen. (…) . Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs ist jedenfalls eine Riesenaufgabe für einen Schauspieler. Andreas Beck löst sie gedankenklar, konzentriert und spielfreudig, mit riesiger Präsenz, die diesen Darsteller immer auszeichnet. Man lernt richtig was in diesen 90 Minuten. Hier traut sich jemand, nicht immer nur Fragen zu stellen, sondern auch mal wieder Antworten zu geben.
Deutschlandradio Kultur, 3.11.2012 Stefan Keim

… Mike Daiseys Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs ist ein Ich-Erzähler-Monolog für einen Nerd, einen Technik-Verrückten. In Jennifer Whighams superber Inszenierung stimmt einfach alles, auch das Garagen-Ambiente (Bühne: Antonella Mazza), in dem das Publikum am Tisch sitzt. (…) Fabelhaft, wie Andreas Beck das macht. (…) Anekdoten, Biografisches, Apple-Historie und Reportage-Sequenzen verdichten sich zum Porträt des Marketing-Fuchses Jobs und seiner Firma. Als Hippie und Garagentüftler fing er an. Das Programmieren überließ er dem genialen Steve Wozniak. Jobs war der Mann für die Visionen, nicht minder genial. Und skrupellos. Mitarbeiter sind eine Ressource, die er auslutscht. Produkt und Design sind alles. (…) Nach diesem Stück – wichtig, aufklärerisch und großartig – sieht man Apple mit anderen Augen.
Ruhrnachrichten, 4.11.2012, K.U. Brinkmann

… Nein, neu ist die Idee nicht, das Publikum in ein Stück einzubinden. Doch selten gelingt das derart intensiv, dank der geschickten Inszenierung von Regisseurin Jennifer Whigham. Die Zuschauer müssen sich körperlich verrenken, um dem Schauspieler, der mal hier, mal dort, mal draußen spricht, folgen zu können. Und vielleicht müssen sie sich gedanklich verrenken, um dem zu folgen, was Beck erzählt: Dass hunderttausende chinesische Arbeiter in 16-Stunden-Schichten rackern, dass sie Nervenkrankheiten vom aggressiven Putzmittel davontragen, mit dem sie die Displays der neuesten Pad-, Pod-, und Phone-Kreationen blank wischen.

… In Dortmund ist die deutsche Erstaufführung zu sehen. Ein echter Pluspunkt fürs Haus, das über die Industriegeschichte Apples zum Thema Globalisierungsethik kommt. Andreas Beck spielt Daiseys Monolog wie einen Cavemann aus der Cyberwelt. (…) Er stellt sich zum Publikum, wie ein Typ, der auf einer Party überzeugen, sich Gehör verschaffen will. Das ist unterhaltsam, eindringlich und berührt.
WAZ, 5.11.2012

… Kann ein über 90 Minuten langer Monolog über Computer tatsächlich nicht langweilig sein?Die Antwort ist: ja – und mehr. Die geschickte Regie von Jennifer Whigham aus dem Theater Dortmund lässt den Zuschauer immer wieder zwischen einem Lächeln und echter Bestürzung hin- und herschwanken, der ständige Wechsel zwischen der Eigenbetrachtung eine Apple-Jüngers, den Zuständen in Shenzhen und der Biographie Steve Jobs lässt keinen Platz für Längen oder Durchhänger – die Adaption des Textes von Daisey ist hier meisterhaft gelungen.

5Vier.de, 20.6.2013, Lars Eggers

… Denn wen interessiert es, welchen Preis Menschen anderswo bezahlen, nur damit wir uns jede neue Version eines iPhones, iPads, Handy, Computer oder Kamera für verhältnismäßig wenig Geld leisten können? Kümmert es uns, wenn Menschen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten müssen, die sogar unter den chinesischen Arbeitsgesetzen liegen? Ein Abend, der nachdenklich macht.
innenstadt-ostblog.de, November 2012

DIE ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT (UA)

Nach dem Roman von Sten Nadolny
Eine Produktion von P E T projects
Premiere: 3.3.2012 im Rahmen des Festivals Duisburger Akzente 2012.  
Mit: Sabine Osthoff und Roland Sibernagl
Konzept/Fassung/Regie: Jennifer Whigham und Jens Kerbel
Ausstattung: Gesine Kuhn und Sigrid Trebing
Dramaturgie: Kristina Wydra
Sound- und Videodesign: Lars Figge

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Pressestimmen:

Mit Romanen reisen

… Der wunderbare, fast 30 Jahre alte Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny, umgesetzt mit zwei großartigen Schauspielern …
Bei Jennifer Whigham und Jens Kerbel werden sechs Räume des ehemaligen Berufskollegs zu Stationen im Leben des britischen Seefahrers John Franklin (1786-1847), der bei der Suche nach der Nordwestpassage ums Leben kommt. Nadolny erfindet ihn als Außenseiter, dessen Gehirn überaus langsam, aber sehr sorgfältig arbeitet. John ist zu langsam, einen Ball zu fangen, aber merkt sich ganz genau, was er über Schifffahrt und Navigation wissen muss.
„Wie, bitte, komme ich auf ein Schiff?“


In dieser „szenischen Installation“ stimmt alles. Vor allem die beiden Schauspieler. Roland Silbernagl spielt John Franklin starr und starrköpfig, wundersam und wortkarg. Aber wenn er etwas sagt, dann ist das wichtig: „Wie, bitte, komme ich auf ein Schiff?“ ist sein erster Satz, den er noch als Kind spricht – und bringt auf den Punkt, was sein Leben sein wird. Sein quirlig-sprechender Gegenpol ist Sabine Osthoff als Spielkameradin, Geliebte, Ehefrau, Heldenwitwe. Kompliment, wie scheinbar mühelos sie die (bei allen Streichungen) große Textmenge bewältigt. Die Ausstatterinnen Gesine Kuhn und Sigrid Trebing haben sechs Räume geschaffen, die das Publikum nicht nur atmosphärisch einbinden, die Kindheit der Sonderlings, das Grauen auf dem Kriegsschiff, auf dem John angeheuert hat, das Dunkel und die Enge in einem Schiffsrumpf und die Gefahr des Packeises zu spüren: Ein weißer Raum, in dem fragil angeordnete Neonröhren zu Eisbergen werden.

Auch die Nähe zum Publikum stellt große Intensität her, zugleich wird auch mit Leichtigkeit erzählt. Ein fesselnder Abend, hingehen!
WAZ, 8. März 2012, Anne Horstmeier

DAS MÄDCHEN AUS DER STREICHHOLZFABRIK

Szenische Installation nach dem Film von Aki Kaurismäki
Premiere: 24. Mai, 2010 im Rahmen der Festivals RUHR2010 und Duisburger Akzente: Mai 2010, Ehemalige Taxizentrale in Duisburg-Ruhrort 

Mit: Maria Amman, Sabine Osthoff, Andreas Maier, Ralph Püttmann
Konzept und Fassung: Jennifer Whigham
Regie: Jennifer Whigham und Jens Kerbel
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Sigrid Trebing
Video: Lars Figge/Jens Kerbel
Dramaturgie: Kristina Wydra

Pressestimmen:

Abtauchen im Hafenstadtteil
… Ein Kultstück. Die vielleicht schönste Ruhrorter Inszenierung wurde in der ehemaligen Taxizentrale gezeigt: „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“. Die Inszenierung von Jennifer Whigham und Jens Kerbel nach dem gleichnamigen Film von Aki Kaurismäki könnte zum Kultstück werden, wenn es gelänge, noch eine weitere Aufführungsserie zu realisieren.
Rheinische Post, 08.06.2010, Peter Klucken

Duisburg: Liebe, Sehnsucht, Ruhrort. Das Mädchen aus der Streichholzfabrik in der alten Taxizentrale


… Die Theater-Adaption des gleichnamigen Films von Aki Kaurismäki gehört zu den Highlights des Akzente-Programms im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort. Das von Jennifer Wigham und Jens Kerbel inszenierte Stück hält eine wunderbare Balance zwischen beißender Komik, Melancholie und herber Desillusionierung. Getragen von einem starken Schauspieler-Quartett, allen voran Sabine Osthoff in der Hauptrolle, erzählt das Stück in sensiblen Bildern vom Leben der jungen Iris, die in einer Streichholzfabrik am Fließband arbeitet. In typischer Kaurismäki-Manier meistert sie nach (Schicksals-)Schlägen ihr Leben.

Rheinische Post, 03.06.2010, Hermann Kewitz

Ein Leben im Streichholzkasten
Jennifer Whigham und Jens Kerbel inszenieren ein Stück nach dem Film von Aki Kaurismäki in der ehemaligen Ruhrorter Taxizentrale.

 Sechs Garagen, sechs Fenster in die freudlose Welt der Fabrikarbeiterin Iris. Am Montag hatte „Das Mädchen aus der Steichholzfabrik“ nach dem Film von Aki Kaurismäki in der ehemaligen Taxizentrale auf der Luisenstraße in Ruhrort Premiere. Das Stück erzählt die Geschichte der Fabrikarbeiterin Iris, die neben der Arbeit am Fließband den elterlichen Haushalt schmeißt und sich mit ihrer frustrierten Mutter und deren passiven Lebensgefährten arrangieren muss. Sie verliebt sich in die Diskobekanntschaft Arne, schläft mit ihm und wird schwanger. Ein Leben im Streichholzkasten.

Iris wird stärker, autonomer und nimmt ihr Schicksal und das ihres Kindes in die Hand. Sie will die Ausnutzung beenden. Im Kampf um die Freiheit greift sie zu extremen Mitteln. Sabine Osthoff gelingt es, diese Entwicklung überzeugend nachzuzeichnen. Auch Maria Amman (Mutter), Ralph Püttmann (Arne) und Erzähler Andreas Maier agieren souverän. Maier greift auch aktiv in die Geschichte ein, er bringt das Publikum zum Schmunzeln und er gibt Orientierung im schwierigen Bühnenraum.

Das Regieduo Jennifer Whigham und Jens Kerbel nutzt die Garagen der ehemaligen Taxizentrale: Gegenüber, rechts oder links vom Zuschauerraum werden die Türen geöffnet, Szenen gespielt und Dialoge gesprochen, bis sich die Türen wieder schließen und eine neue Garagentür den Blick auf eine neue Szene eröffnet.

Die Garagen werden Fenstern in Iris’ unterschiedliche Lebensräume. Damit nähert sich die Inszenierung dem Film an. Oft weiß der Zuschauer nicht, wohin er den Blick zuerst richten soll. „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ muss man zwei- oder dreimal sehen.
WAZ, 26.05.2010, Maria Romanski

BENNBAR – Eine literarisch-musikalische Obduktion

BENNBAR – Eine literarisch-musikalische Obduktion
Fassung von Jennifer Whigham und Kristina Wydra
Premiere: 19. Oktober 2009, Theater Bonn
Mit: Anke Zillich, Tanja von Oertzen, Konstantin Lindhorst, Stefan Preiss
Inszenierung: Jennifer Whigham
Ausstattung: Anne Brüssel
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Kristina Wydra

Pressestimmen:

Obduktion am Tresen: „Bennbar“ im Bonner Theater

Literarisch-musikalisches Werk von Jennifer Whigham ist in der Werkstatt zu sehen
Theater ist nicht mein Fall. Ich finde das Tragische komisch und das Komische nicht übertrieben genug“, schrieb Gottfried Benn und überließ das Stückeschreiben anderen. Seine Skepsis der dramatischen Form gegenüber hat jedoch Jennifer Whigham nicht daran gehindert, sich dem Phänomen Benn am Bonner Schauspiel mit den Mitteln des Theaters zu nähern.

„Bennbar“ heißt ihre „literarisch-musikalische Obduktion“ des Dichters und Arztes in der Werkstatt, und womöglich hätte diese Bühnen-Hommage doch Gnade vor Benns Augen gefunden. Denn die vier Schauspieler nehmen an diesem Abend keine anderen Worte in den Mund als die aus seiner Feder.
Der Übergang von einem gewöhnlichen Septemberabend in die abenteuerlich ambivalente Gedankenwelt des Pastorensohns gestaltet sich fließend.
Jennifer Whigham präsentiert den Dichter in vier Teilen… Das sprechende, singende und tanzende Schauspielerquartett bringt dem Publikum den ätzenden Zyniker und heimlichen Romantiker, den Arzt, Dichter und Menschenfeind Gottfried Benn ganz schön nah.

General-Anzeiger, 21.09.09, Gunhild Lohmann

Poetische Autopsie Bennbar in der Werkstatt
Der zerrissenen Existenz des Dichters hat die junge Regisseurin Jennifer Whigham eine wunderbar sensible „literarisch-musikalische Obduktion” auf der Werkstattbühne gewidmet. Die Schauspieler Tanja von Oertzen, Anke Zillich, Konstantin Lindhorst und Stefan Preiss bevölkern zusammen mit den Musikern Björn Klaus (Kontrabass) und Nico Lengauer (Saxophon) die Bennbar, zünden kostbare Verse und peinliche Reime. Zwischen Syphilis (Benn war Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten) und Asphodelen, Lido und Libido, Kokain und Konfetti erproben sie den Röntgenblick des Mediziners, der die Ambivalenz zum Prinzip seines Doppellebens gemacht hat.
Ein im besten Sinne fragwürdiger Abend über einen neu zu entdeckenden literarischen Selbstdarsteller, ein szenisch virtuoses, pessimistisches Aprèslude. Dr. G. Benns heilsame Rezepte werden dem Publikum bereits vor der Vorstellung zugeflüstert und sogar schriftlich ohne Zusatzgebühr ausgehändigt: „Entweder man macht Kunst oder man soll schweigen” steht da z. B. In der Werkstatt wird eindeutig Kunst gemacht.
September 2009, E.E.-K

DIE GEHALTSERHÖHUNG

von George Perec
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
Premiere im Rahmen der NRW-Theatertreffens:
April 2009, Theater Bonn (im Godesberger Tennisclub Grün-Weiß e.V.)

Mit: Anastasia Gubareva, Sinead Kennedy, Oliver Chomik, Hendrik Richter
Leitung: Jennifer Whigham und Jens Kerbel
Ausstattung: Mathilde Grebot
Dramaturgie: Almuth Voss

GEHALTSERHÖHUNG

In DIE GEHALTSERHÖHUNG variiert Perec die immer gleiche Grundsituation: Ein Angestellter sucht seinen Vorgesetzten auf, um eine Gehaltserhöhung zu erbitten. Wird ihn die Sekretärin vorlassen? Ist der Vorgesetzte anwesend? Ist er guter Dinge, oder sind seine Kinder an den Masern erkrankt? Am Ende des Stückes steht der Anfang: „Angenommen – etwas, das man alle Tage sieht – Sie haben Ihre Gehaltserhöhung nicht bekommen. In diesem Fall müssen Sie wieder von vorne anfangen.“
Bühnenverlag

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

(Eine AusEinAnderSetzung)
Eröffnung der 31. Duisburger Akzente

Premiere: Mai 2008, Kraftzentrale im Lansdchaftspark Nord, Duisburg
Mit: Irm Herrmann, Eva Kurowski, Eva-Verena Müller, Noah Chorny, Lutz Görner,
Maskentheater „Familie Flöz“, Uli Masuth, Raphael Rubino
Musik: Peter Bolte, Lars Kuklinski, Thorsten Töpp, Till-o-mat Steinbach, Tim Isfort, Tukunak,
Poedra und das Orchester der Duisburger Philharmoniker
Special Guest: Trilok Gurtu
Musikalische Leitung: Tim Isfort, Christian Kreihsler
Inszenierung: Jens Kerbel und Jennifer Whigham
Bühnenkonzept: Tim Isfort
Kostüme: Sigrid Trebing
Filme: Frank Bergmann
Script: Jens Kerbel
Textrecherche: Antek Krönung
Licht: Jochen Jahnke und Markus Steinebach
Videoregie: Michael Pötters und Carsten Wittka
Tonregie: Thomas Block und Frank Stuckstedde

zum Video

Pressestimmen:

Duisburger Akzente eröffnet. Vom Glück der Arbeit

Die Aufspaltung der Gesellschaft durfte das Publikum bei der Eröffnung der 31. Duisburger Akzente am eigenen Leib erfahren. Während ein Teil des Publikums den Vordereingang der Kraftzentrale benutzen konnte, blieb für die anderen nur der Hinterausgang. Womit der Titel der Eröffnungs-Show „Ich sehe was, was Du nicht siehst” auf zwei Bühnenseiten in der abgeteilten großen Halle theatralische Wirklichkeit und damit dem Akzente-Thema gerecht wurde. Dieses setzt sich bekanntlich mit den Gewinnern und Verlierern in einer globalisierten Arbeitswelt auseinander.

.. Nachdem Alfred Biolek als nicht unbedingt mitreißender Festredner seine eigene Geschichte als „Glücksfall” einer persönlich befriedigenden Arbeits-Biographie präsentiert hatte, gab es für das Akzente-Publikum eine über 90-minütige musikalisch-szenische Collage zu sehen. Trotz gewisser Längen bot diese muntere Show mit der intelligent arrangierten Musik von Tim Isfort ein spannendes Zusammenspiel der vielen Akteure. Dabei war es schon erstaunlich, dass mit nur wenigen Proben eine Produktion auf solch hohem Niveau entstehen konnte, die ansonsten auch der Ruhr-Triennale zur Ehre gereicht hätte. Wie die Schauspielerin Irm Herrmann, die Masken-Familie Flöz, der Percussionist Trilok Gurtu, der Kabarettist Helmut Masuth, die Sängerin Eva Kurowski und die Musiker der Duisburger Philharmoniker in dieser Show zusammenkamen, dies war schon beachtlich.
WAZ, 18.05.2008, Thomas Becker

Ihr da hinten, wir hier vorn
Festival. Die Eigenproduktion zur Akzente-Eröffnung machte die Trennung der Gesellschaft augenfällig.

Ihr da oben, wir hier unten. Ihr da hinten, wir hier vorn. Die zunehmende Teilung unserer Gesellschaft in Reiche und Arme machte bei der Eröffnung der Akzente am Freitag im Landschaftspark Nord der Bühnenaufbau für die Eigenproduktion „Ich sehe was, was du nicht siehst“ bereits eingangs des Abends augenfällig. Er teilte die riesige Kraftzentrale in zwei bereiche, die nur getrennt zugänglich waren.

Welchen Eingang sie nutzen durften, wies den Besuchern ein A oder B auf der Eintrittskarte. Ob sie damit zu den Gewinnern oder Verlierern des Abends gehörten, konnten sie hernach selbst entscheiden. Denn der Sozialneid auf den jeweils anderen Teil des Publikums, der angeblich mit Champagner und Häppchen verköstigt worden war, wurde auf den Seiten der Bühne kräftig geschürt. Allerdings äußerten so einige aus dem mit städtischer Prominenz gefüllten A-Bereich ihr Bedauern, nicht im B-Bereich gesessen zu haben. Basierend auf dem vermeintlich untrüglichen Gefühl, die B-ler hätten den besseren Teil der Inszenierung zu Gesicht bekommen. …

Alles eine Frage der Perspektive und insofern eine gelungene Aufführung dieser sehr kunst- und sinnvollen Akzente-Eigenproduktion, die das Thema „Was uns beschäftigt“ …
NRZ, 19.05.2008, Ulla Saal

Bewusstseinsarbeit am laufenden Band
Festivals: „Was uns beschäftigt“: Eröffnung der 31. Duisburger Akzente mit Alfred Biolek und einer Bühnencollage.

… Man kommt leicht ins Schwitzen angesichts der schnellen Wechsel von „Ich sehe was, was du nicht siehst“, die zur Akzente Eröffnung inszeniert wurden. In einem überdimensionalen Setzkasten predigt die hervorragende Irm Hermann das gnadenlose Vorstandsvaterunser – „Schauen Sie, ein Premiumprodukt braucht auch Premiumprofit“ – und ein schmieriger Typ wirbt für Hedgefonds. Der Kapitalismus kommt nicht als Monster daher, eine üble Visage hat er aber doch.
Dem gegenüber stehen Familie Flöz mit ihrer poetischen Menschlichkeit und die Berichte eines Zeitarbeiters und eine Friseurin über ungerechten Lohn und Nachtschichten.

Die Duisburger Symphoniker lassen Arbeit dazu mal locker leicht, mal ganz und gar bedrohlich klingen. … Mit A- und B- Plätzen zu zwei Seiten der Bühne unternehmen sie am Premierenabend den Versuch, die sorglosen Gäste ins Grübeln zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass das Grübeln während der Tanz- und Theateraufführungen, Vorträge und Diskussionen der beiden kommenden Wochen anhält. Ein Festival für Walsum, für den kleinen Mann – das wird ein hartes Stück Arbeit.
NRZ 19.05.2008, Helen Sibum

Arbeit blieb Stückwerk
Duisburg. In der Kraftzentrale wurden die 31. Duisburger Akzente mit dem Titel „Was uns beschäftigt“ eröffnet. Nach Grußworten und der Rede von Alfred Biolek gab’s die Eigenproduktion „Ich sehe was, was du nicht siehst“.

Das Publikum in der ausgebuchten Kraftzentrale war bei der Akzente-Eröffnung in eine Gruppe A und eine Gruppe B unterteilt, getrennt durch eine mittig platzierte Bühne. Randi Crott, die Moderatorin der – wie fast immer – überaus aufwändig inszenierten Eröffnung, nutzte dieses Arrangement, um keck in das Thema „Arbeitswelt“ einzuführen.

… Unter der Gesamtleitung des Musikers und Arrangeurs Tim Isfort und mit Beteiligung von zwei Regisseuren (Jens Kerbel und Jennifer Whigham) wurde eine zweistündige Collage geboten, an der der bekannte Percussionist Trilok Gurtu, die prominente Schauspielerin Irm Hermann, der Rezitator Lutz Görner, der Akrobat Noah Chorny, das Maskentheater „Familie Flöz“, mehrere Musiker, darunter auch Mitglieder der Duisburger Philharmoniker, Filmemacher und weitere künstlerische Akteure mitwirkten. …
Rheinische Post, 19.05.2008, Peter Klucken

DER GOTT DES GEMETZELS

von Yasmina Reza
Aus dem Französichen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Premiere: 30. April 2008, Theater Bonn
Mit: Birte Schrein, Susanne Bredehöft, Günter Alt, Stefan Preiss
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Uta Heiseke
Licht: Max Karbe
Dramatugie: Monika Madert/Lothar Kittstein

Pressestimmen:

Das ganze Leben im Handy
Jennifer Whigham inszeniert Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels in der Halle Beuel – Wunderbare Boulevard-Tragikomödie

Ein Tisch so groß wie eine Rampe stehet in der Halle Beuel. Das Möbelstück, das die Bühnenbildnerin Gesine Kuhn ins Zentrum der Inszenierung von Yasmina Rezas Erfolgsstück „Der Gott des Gemetzels gestellt hat, passt genau. …Die junge Regisseurin Jennifer Whigham beweist ein gutes Gespür für alle Facetten des Stückes. Sie hat alles im Blick: die Komik, die Abgründe, Menschen in all ihrer schockierenden, aber irgendwie auch verständlichen Erbärmlichkeit. …

Whigham und ihre fabelhaften Schauspieler verwöhnen das Publikum mit Pointen und Bonmots. Die Premierengäste feuerten Lachsalven ab. Und kamen in Grübeln. Denn Stück und Regie halten uns den Spiegel vor. Jeder kann für sich ermessen, wie fern – oder nah – er den Personen auf der Bühne ist. … Es gehört zu den Vorzügen des Stücks, dass es seine Figuren beobachtet und nicht verurteilt. Dafür ist Yasmina Reza zu klug. Jennifer Whigham macht sich diese Perspektive zu eigen. Was sie zeigt, ist furchtbar lustig, böse, grausam und grostesk. Aber Whigham gibt die Menschen auf der Bühne nicht der Lächerlichkeit preis, im Gegenteil, sie nimmt sie ernst. Vielleicht mag sie sie sogar.
General Anzeiger, 2.5.2008, Dietmar Kanthak

… In der Inszenierung von Jennifer Whigham, die sich am Haus von einer Regieassistentin hochgearbeitet hat, waltet eine gewisse Contenance … Auch die Bühne von Gesine Kuhn, von einem überdimensionalen Tisch mit Sitzgruppe beherrscht, stellt zunächst eine gewisse Nüchternheit her. Doch da hinein setzt Jennifer Whigham ihre inszenatorischen Akzente mit sicherem Blick für situationsgenaue Wirkungen.
THEATER PUR, Juni 2008, Christoph Zimmermann

Krieg und Frieden im Wohnzimmer
Yasmina Rezas Theater-Hit „Der Gott des Gemetzels“ in Bonn trefflich gespielt
2008-05-01 Schauspielkritik, Andreas Pecht

Langer Premierenbeifall in der Halle Beuel des Theaters Bonn für Jennifer Whighams Inszenierung von „Der Gott des Gemetzels“. Seit der Züricher Uraufführung 2006 von mehr als 60 Theater übernommen, ist Yasmina Rezas kleiner Einakter das derzeit meistgespielte Gegenwartsstück. In der Umgebung steht es aktuell auch in Köln und Wiesbaden auf dem Spielplan.

 Vorgeführt wird die Begegnung zweier Ehepaare, deren Buben aneinander geraten sind. Dabei hat der Sohn der Reilles dem der Houillés zwei Zähne ausgeschlagen. Nun sitzen die Eltern im Houille’schen Wohnzimmer bei Kaffee und Kuchen, nachher bei reichlich Schnaps zusammen, um den Konflikt auf zivilisierte Weise beizulegen. Man redet, lächelt sich in Bonn über die weite Distanz zu, die im Bühnenbild von Gesine Kuhn ein ungeheurer Couchtisch von der Größe dreier Tischtennisplatten schafft. …

In diesem Quartett mimt Birte Schrein als Veronique Houillé die Gutmenschin, die einerseits auf der Opferrolle ihres Sohnes beharrt, andererseits mit pädagogischem Sendungsbewusstein jedermann ungefragt ins Gewissen redet. Günter Alt gibt deren Gatten erst als gemütlichen, nachher entnervt explodierenden Zeitgenossen. Bei den Reilles spielt Susanne Bredehöft eine weinerlich-verbrauchte Bürgersgattin, die buchstäblich das Kotzen kriegt, weil ihr Alain (Stefan Preiss als zynischer Geschäftsmann) inmitten der Aussprache ständig per Handy versucht, die Vertuschung eines Pharmaskandals zu managen.

Da wird reihum trefflich gespielt, werden Zwischentöne wie Eruptionen zu einem Stück aus dem ganz normalen Tollhaus verwoben. Die Bonner Inszenierung hat einen etwas eigensinnigen Rhythmus: Anders als etwa in Wiesbaden entwickelt sie keine kontinuierlich fortschreitende Eskalation, sondern einen auf- und abschwellenden Bocksgesang: Die Schlacht scheint mehrfach beendet, bricht unerwartet doch wieder aus. Damit verschenkt die Regie zwar Möglichkeiten atmosphärischen Furors, gewinnt indes Spielräume für ein anderes dem Stück innewohnendes Phänomen: einen bewusst boshaften Schwebezustand zwischen ernster Psychotragödie und schier boulevardesker Persiflage derselben. Sehenswert.
ape

DIE FURIEN/DER GROSSE KRIEG/WAS ERNSTES (UA)

von Neil LaBute
Deutsch von Jennifer Whigham und Lothar Kittstein
Premiere: 17. Februar 2008, Theater Bonn
(Eingeladen zum Festival „Stummer Schrei“ im Zillertal, Österreich, Juli 2010)
Mit: Birte Schrein, Yorck Dippe, Anke Zillich
Inszenierung: Jennifer Whigham
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Uta Heiseke
Licht: Lothar Krüger
Musik: Lars Figge
Dramaturgie: Almuth Voß/Lothar Kittstein

Pressestimmen:

… LaButes Texte entfachen sich wie an einer Zündschnur: Ein Wort ergibt das andere. Aus Konversation entsteht erst das Drama. Dass das sehr bösartig komisch ist, arbeitet Jennifer Whigham mit ihren Hauptdarstellern Birte Schrein und Yorck Dippe in generalstabsmäßiger Präzision treffsicher heraus. Vor allem Dippe ist ein Könner des situativen Parlierens, das im rechten Moment zur fiesen Parade wird. …
Süddeutsche Zeitung, 20. Dez. 2008, Vasco Boenisch

Liebe Leser, Sie müssen schon weit fahren, um zwei Stunden lang im Theater so viel Glück zu empfinden. … Der Abend setzt Glückshormone im Publikum frei, denn er ist packend und geistreich, todernst und komisch, anrührend und wahrhaftig. …

… Es gehört zu der Kunst der Schauspieler und der genauen, jede Nuance herausarbeitenden, virtuos Spannung aufbauenden Regie, die Wahrheit hinter den Masken aufleuchten zu lassen …

… Anke Zillich hat sich, von wem auch immer, den bösen Blick ausgeliehen. Sie erfüllt perfekt LaButes Profil, der sich Jamie vorgestellt hat wie Medusa ‚wenn sie loslegt. … In ‚Was Ernstes’ spricht Birte Schrein zum Schluss, in märchenhaftes Licht getaucht, den Monolog einer Frau, die auf ihren Partner wartet. Wie eine der traurigen Frauenfiguren von Dorothy Parker ist sich auf die Tröstungen der Einbildung angewiesen.

General-Anzeiger Bonn, 19. Dez. 2008, Dietmar Kanthak

… In Jennifer Whighams detailtreuer Inszenierung, wirken die beiden wie amerikanische Landbewohner aus den Filmen der Coen-Brüder. Schrullig, leicht debil, seltsam – und sekundenschnell können sie sehr bedrohlich werden.“

„Jennifer Whigham inszeniert mit wenigen Mitteln präzise Situationen, die Zuschauer lachen oft, doch die absurden Situationen kippen immer wieder ins Grauen. …
Frankfurter Rundschau, 19. Dez. 2008, Stefan Keim

’Stille. Dunkelheit.’ Neil LaButes Stücke, so lernen wir im Programmheft, beginnen und enden meist mit diesen Worten, sie führen gewissermaßen zur theatralischen Ursituation zurück. Es ist ein Glück, dass Jennifer Whigham ihr keine großen Kinkerlitzchen hinzufügt. Sie bleibt reduziert, inszeniert ohne viel Bühnenbild und Requisiten, arbeitet trotzdem nahe am Wahnsinn – sie erreicht das durch kleine Nuancenänderungen von Haltungen und Stimmlagen.

Die Tageszeitung, 19. Dez. 2008, Dorothea Marcus

… Die in ihrer Beziehung überforderte, die ihre Beziehung abrechnende und die ihre Beziehung idealisierende Frau – drei facettenreiche Rollen, die Birte Schrein bis in die Extreme ihres Könnens gehen und Yorck Dippe als ihr zweifaches Gegenüber zwei komplex-schräge Mannsbilder zeichnen lassen. In der Werkstatt hinter dem Bonner Opernhaus hat die junge Regisseurin Jennifer Whigham die drei Stücke mit unauffälliger Genauigkeit und psychologischer Akkuratesse in Szene gesetzt, ganz im Vertrauen auf die intensiven Darsteller, die in den sparsam-aparten Raümen von Gesine Kuhn zu Hochform auflaufen. …
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Dez. 2008, Andreas Rossmann

… Liebe ist Politik. In den drei Miniaturen, die der Dramatiker Neil LaBute der Bonner Schauspielerin Birte Schrein auf den Leib geschrieben hat, ist sie Ort taktischer Manöver oder diplomatischer Krisengipfel. In ihrer hochkonzentrierten Uraufführungsinszenierung von »Der große Krieg« gelingt es Regisseurin Jennifer Whigham und dem Ensemble, im Zwischenraum der Figuren Spannung zu erzeugen. Die Menschen erfüllen sich hier nie ganz in dem, was die von sich geben und von sich preisgeben. Ein Abend von einfacher und zugleich komplexer Raffinesse. …

K.WEST, Andreas Wilink

… Jennifer Whigham übersetzte nicht nur (zusammen mit Lothar Kittstein), sie führte auch Regie und präparierte die Stärken der Einakter heraus. Es ist die Sprache, die – wenn sie nicht brutal offen ist – oft verschweigt, was gemeint ist, aber dem Zuschauer Hinweise genug gibt, zu erraten, was beschwiegen wird. …
dpa, Ulrich Fischer

… Sehr überzeugend die Uraufführungs-Regie von Jennifer Whigham. …
Rheinischer Merkur

MINIDRAMEN

Auswahl an Minidramen aus „Ohne Alles“, Theater Bonn

Miniaturen an ungewöhnlichen Orten, September 2007
Unter anderem „Epanema“ von Roland Schimmelpfennig
und „Mach die Tür auf“ von Lukas Bärfuss.

Mit: Maria Munkert, Sinead Kennedy und Nina Vodopyanova

1. FRAU Ama o godó.
Anatmá mové.
2. FRAU Tu es für mich.
Denk nicht daran.
1. FRAU Anatmá mové vez.
2. FRAU Denk doch einfach nicht daran.
1. FRAU Re sén kurúsch go levenén mové, ciú o zorén farház
teprín kuruschés –
i sená.
Márt eréf ikin kuruschés kattú nirvetiá, zorén dokút celinú.
2. FRAU Das eine Bein erinnert mich daran, wie es wäre, zwei
Beine zu haben –
oder keins.
Auch wenn ich beide Beine verloren hätte, wäre vieles
einfacher.
1. FRAU Deronié ysiyér falád re verík enespó kiyovés, g ́ímre wa
osénasái harfadén dar, dára deú andó monéié.
2. FRAU Ich könnte zum Beispiel endgültig die alberne Hoffnung
aufgeben, daß mich noch mal jemand berührt, ohne daß ich ihn
dafür bezahle.

 

BRIEF AN DIE SCHAUSPIELER von Valère Novarina
September 2007
Mit: Anke Zillich

Wenn im Theater der Autor der Anfang ist, der Mund, der den Text als erster einfängt, so ist wohl der Schauspieler der Ausgang, der Anus samt Eingeweide, durch die der Text läuft. Alles, was dazwischen liegt und Autor und Schauspieler trennt, bei Novarina wird es aufgehoben, er stellt die Verbindung zwischen ihnen wieder her. Sein Theater ist nicht in erster Linie eines für Regisseure, und jener, der den Autor 1973 aus dem Theater warf, hat wohl in Wahrheit sich selbst vertrieben.“

(Leopold von Verschuer, aus dem Vorwort zur griechischen Ausgabe von „Brief an die Schauspieler“ und „Für Louis de Funès“)

 

VON DER FREIHEIT DES ANDERSDENKENDEN
Szenische Lesung zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
Premiere: 19. Dezember 2009, Theater Bonn
Mit: Maria Ammann und Stefan Preiss
Szenische Einrichtung: Jennifer Whigham

KarlRosa

Sie lebten und starben für die Revolution – Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Gründer der Gruppe Internationale, des Spartakusbundes und der KPD, 1871 geboren und im Januar 1919 gemeinsam ermordet. Liebknecht, so scheint es, war es bereits in die Wiege gelegt, eine Leitfigur des Sozialismus zu werden, und auch Luxemburg, zwar durch ihre Herkunft weniger „vorbelastet“, verfolgte seit frühester Jugend ihr Ziel, zur Umwälzung der Machtverhältnisse in Deutschland beizutragen.

HELTER SKELTER (UA)

von Neil LaBute
Deutsch von Jennifer Whigham und Lothar Kittstein
Premiere: 7. Februar 2007, Theater Bonn
Mit: Birte Schrein, Yorck Dippe
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Uta Heiseke
Musik: Jiggs Whigham
Dramaturgie: Stephanie Gräve/Lothar Kittstein

PRESSESTIMMEN:

Jetzt bloß kein griechisches Drama!
„Helter Skelter” von Neil LaBute – uraufgeführt nicht am Broadway, sondern in Bonn … Das Stück ist, wie oft bei LaBute, eine punkt- und kommagenau dem Mittelklassevolksmund abgeschaute Alltagssituation. Ein Paar macht Verschnaufpause vom Shopping: „Setz dich mit jemand, den du liebst, in ein schickes kleines Restaurant und beklag’ dich über Gott und die Welt.” Doch bald sind wir inmitten handfester Beziehungsprobleme, als sie ihm eröffnet, ihn vorhin beim Date mit ihrer Schwester beobachtet zu haben, worauf er gesteht, dass das schon sechs Jahre so geht. Natürlich sei das nur „körperlich”, halt „einfach passiert” und auch „nur ein kleiner Teil von mir”, weshalb er glaube, sie beide „können das schaffen”. Yorck Dippe ist dabei ein so rauschender Vorabendserienphrasenwasserfall, sprudelnd statt triefend, dass man ihm die gönnerische „Ich will nicht, dass du das auf dich nimmst”-Besorgnis und die platitüdengetränkte „Wir können zivilisiert damit umgehen”-Vernunft ernsthaft abnimmt. Nur hat er die (Ab-)Rechnung ohne seine Gattin und ohne LaBute gemacht.

Der verpasst der, bis dahin recht konventionellen, Krisenkonversation nun nicht nur einen allgemeinmoralischen Anstrich, sondern auch eine richtig theatrale, kathartische Wendung – entgegen der scheinbar beiläufigen Bitte des Mannes, „dass das hier keine Riesensache wird, okay? Irgend so’n griechisches Drama . . .” Jetzt ist sie an der Reihe, Birte Schrein, die sich in großer Garderobe schluchzend und mit gezügelter Sinnlichkeit auf dem Stuhl drapiert. Statt aufzustehen und zum Anwalt zu gehen, will sie es selbst beenden: „Spektakulär. Angemessen.” Einmal zu „den anderen” aus den TV-News gehören, denen immer die Katastrophen passieren, selbst Medea sein oder wenigstens ein Charles-Manson-Mädchen, die in den 60ern für den Sektenchef Prominente ermordeten, im Namen seiner „Helter Skelter”-Rassenideologie, benannt nach einem Beatles-Song. Genauso unverhofft, „holterdipolter”, greift sie nun zum Steakmesser – und sticht sich langsam in den hochschwangeren Bauch.

Diese Turbodrehung hin zur zynischen Allegorie auf pathetisch-pathologische Aufmerksamkeitssinnsuche ist LaButes Überraschungscoup: unmerklich vorbereitet, kaum psychologisch begründet. Genau das wagt aber die junge Regisseurin Jennifer Whigham. Sie verweigert das Dialogpingpong, drosselt das Tempo. Birte Schrein reagiert nicht schlag-, eher schlangenartig: mal Boa Constrictor mit tödlicher Gewissheit, mal Blindschleiche, total neben der Spur. So wird aus ihrem Affekt Plan und Spleen, aus LaButes Effekt Plausibilität.
Süddeutsche Zeitung, 9. Februar 2007, Vasco Boenisch

Der Tod und das Pärchen
Uff, dieser Weihnachtsrummel. Schwer bepackt kommt die hochschwangere Frau zum Treffpunkt im Restaurant, während ihr Mann schon mal am Whisky nippt. Erschöpft lässt sie sich nieder. „Ich liebe es“, sagt sie und lächelt ihr sybillinisches Lächeln, das sie an diesem denkwürdigen Abend noch öfter lächeln wird. Sie hat ihr Handy nicht dabei; der Mann kann seines nicht finden. Die Frau hilft suchen. Ach, da ist es ja! Muss sich im Futter der Jacke verfangen haben. Jetzt fällt es hin und ist kaputt. Die Frau kann nicht mehr nachsehen, mit wem ihr Mann zuletzt telefoniert hat. „Mach doch keine griechische Tragödie draus“, meint der Mann.

Der Zuschauer ist also gewarnt. Nach und nach, just wie in einer solchen Tragödie, kommt die Wahrheit ans Licht. Die Person, mit der der Mann zuletzt telefoniert hat („Das ist jetzt peinlich für dich“, meint er), ist die Schwester der Frau. Seit sechs Jahren hat er ein Verhältnis mit ihr. Die Frau hat die beiden während ihres Einkaufsbummels gesehen. Der Mann versucht, sich wortreich zu erklären. Der Ehebrecher, das sei nur ein Teil von ihm. Der andere Teil sei nach wie vor der liebende, fürsorgliche Familienvater. Je mehr er redet, desto peinlicher wird es, und zwar für ihn. Die Frau weint nicht, obwohl ihr spürbar danach zumute ist; sie lächelt ihr sybillinisches Lächeln. Dann sagt sie, dass sie nie mehr mit ihrem Mann allein sein wolle. Dieser Abend der Enthüllung nach sechs Jahren des Betrugs solle angemessen, und das heiße: spektakulär enden. Sie nimmt das Steakmesser vom Tisch und stößt es in ihren schwangeren Leib.

Das eingangs skizzierte „Helter Skelter“ hat der Autor der Schauspielerin Birte Schrein gewidmet, und wenn man den Bonner Abend sieht, weiß man, warum. Mit stupender Verwandlungsfähigkeit spielt Schrein sämtliche Frauenrollen und passt sich dabei wechselnden Partnern (zuletzt ist es Yorck Dippe) und Regisseuren (plus Inszenierungsstilen) fast mimikryhaft an. … In „Helter Skelter“ schließlich, unter der Regie von Jennifer Whigham, changiert sie furios zwischen einer offenen Verletztheit und einer wachen, souveränen Ironie, mit der sie die Spielchen des Mannes decouvriert und der Lächerlichkeit preisgibt, ohne ihm letztlich den Todesstoß zu versetzen, den sie dann doch lieber – ach, die Frauen – sich selbst und ihrer Leibesfrucht zufügt.
Frankfurter Allgemeine, 9. Februar 2007, Andreas Rossmann

Bauchüberkopf
Paargeschichten mit Kinderfolgen und eine Uraufführung von Neil LaBute am Schauspiel Bonn 

… „Helter Skelter“ verknüpft die Spiel- und Reflexionsebene geschickter und bleibt doch simpel gestrickt: Zur Abwechslung legt LaBute der Frau hier seine Poetik in den Mund, nach der „Leute wie du und ich und all die anderen“ plötzlich sich in einer Situation wiederfinden können, die sie groß und interessant, aus der lieben Mammi eine rasende Medea und aus einer Trivialität eine Tragödie werden lässt.

Und so kommt es dann auch: Die Frau stellt ihren Mann im Restaurant, in dem sie sich nach den Weihnachtseinkäufen treffen, lässt ihn am Handy, das er ihr nicht leihen will, zappeln, spricht ihn darauf an, dass er sie mit ihrer Schwester betrügt, und wird unvermittelt zur Rächerin, die sich das Steakmesser in den schwangeren Bauch rammt. Birte Schrein spielt das in Jennifer Whighams Regie so reich schattiert zwischen Enttäuschung und Entschiedenheit, Ratlosigkeit und Ranküne, verletzter Würde und kühler Verachtung, als wollte sie sich (hat sie, was ihre Privatsache bleiben sollte, erst mal hinter sich) für bessere, größere Rollen empfehlen. Auch von Autoren, denen sie nicht (mehr) schreiben kann.
Theater Heute, April 2007, Martin Krumbholz

Biblische Alltagsdramen, Neil LaButes Uraufführung „Helter Skelter“ in Bonn

… In „Helter Skelter“ – ein Beatles-Lied, das als Urinspiration von Heavy Metal und auch des Mörders Charles Manson gilt – kommt die Ehefrau mit Einkaufstüten und einem Hochzeitskleid in das Restaurant, in dem gleich ihr Leben zusammenbrechen wird. Sie weiß es schon, und wie sie kühl sezierend, unheimlich flackernd und mit nur mühsam zusammengehaltener Fassung ihren jämmerliche Ehemann vorführt, der sein Handy vor ihr verbergen will und sie sechs Jahre lang mit ihrer Schwester betrogen hat, ist eine schauspielerische Glanzleistung. Jede seiner ausweichenden Phrasen katapultiert die beiden weiter auf unterschiedliche Menschheitshöhen: Die verletzte Rachegöttin und das Würstchen, das der Schauspieler Yorck Dippe dabei zum Glück keineswegs verrät. Eine alltägliche, jämmerliche Demütigung, die nach apokalyptischer Vergeltung verlangt – bis zum Schluss zittern wir ihr entgegen (Regie: Jennifer Whigham).

… In einer schlichten, filzbezogenen Halfpipe haben drei Jungregisseure drei völlig unterschiedliche Einakter inszeniert. Ein prickelnder und brillant gespielter Abend, ein Glücksfall für Bonn.
Die Deutsche Bühne, April 2007, Dorothea Marcus

„Die Geschichte muß um jeden Preis erzählt werden, ob wir als Zuschauer sie nun mögen oder nicht.“

… „Helter Skelter“, benannt nach dem Beatles-Song, wurde in Bonn als Uraufführung herausgebracht. … Ein Ehepaar trifft sich nach dem vorweihnachtlichen Shopping-Trip in einem Restaurant. Lounge-Musik im Hintergrund, ein gedeckter Tisch. „Setz dich mit jemand, den du liebst, in ein schickes kleines Restaurant und beklag‘ dich über Gott und die Welt. So macht man das.“ So heißt das Rezept. Beide sind gestresst, sie ist hochschwanger, er beruflich sehr eingespannt. Doch dann bittet sie ihn um sein Handy, er gibt vor, es nicht zu finden – die Katastrophe nimmt ihren Lauf. … Grandios Yorck Dippe als kleinlauter, phrasendreschender Kotzbrocken. Birte Schrein ist faszinierend zu beobachten. Fast wie in einem naturwissenschaftliche Experiment lässt sie ihren Mann in die Falle laufen, beobachtet ihn und reagiert dann ganz unerwartet: „Ich glaube, wir sind außergewöhnlich… in der Lage, so unglaubliche Dinge zu tun.“ Jennifer Whigham gelingt es, einen Spannungsbogen aufzubauen: vom behaglichen Smalltalk über eine Beziehungsdebatte bis zur abrupten Verlangsamung des Tempos mit dem schockierenden Ende. … Insgesamt ein Abend, der gut zwei Stunden fesselte, amüsierte, und, last but not least, nachdenklich stimmte.
Theater Pur, April 2007, Antje van Bürck

Ein Stück für andere Umstände

Der US-Dramatiker Neil LaBute schrieb der schwangeren Bonner Schauspielerin Birte Schrein eine Rolle auf den Leib. … Und es wurde eine herausragende Arbeit. Die drei Regisseure – als Assistenten mag man sie nun nicht mehr bezeichnen – inszenierten mit Ruhe und Präzision, gutem Gespür für Timing und Rhythmus, konzentriert auf vier ausgezeichnete Schauspieler. … Die Frau will nicht sein wie alle anderen, sondern außergewöhnlich sein. Medea heißt eins ihrer Vorbilder. Sie beweist, dass auch Zivilisationsmenschen zur großen Tragödie fähig sind. Das Stück endet blutig.
Die Welt, 11. Februar 2007, Stefan Keim

Alltag als Katastrophe
Nichts für zarte Gemüter: Das Bonner Theater reiht drei nagelneue Einakter des US-amerikanischen Autors Neil LaBute aneinander, als gelte es, die Selbstmordrate bei den Zuschauern zu steigern … Birte Schrein hält ihren Kopf erst demütig gesenkt. Doch in ihrem weißen Kleid mit ebensolchen Handschuhen steigert sie sich langsam aber zielsicher in Richtung Wahnsinn. Hier eine Träne, da ein hysterisches Lachen – je mehr herauskommt, desto erhobener ihr Haupt. Wie ein patziges Mädchen lässt sie alle Ausflüchte abprallen, bis sie sich ein Messer gemächlich, fast eine Spur zu gemütlich, in den gewölbten Bauch sticht. Der hilflose Ehemann rutscht langsam aus seiner ekelhaften Selbstsicherheit in einen ängstlichen Buben, verharrt in Schockhaltung.

Die Bühne von Gesine Kuhn ist für alle drei Stücke mit (alltags-)grauem Filz ausgeschlagen, auf dem die den schrecklichen Teil der Wirklichkeit extrahierenden Szenen abgedämpft werden. Wie zwei hereinbrechende Tsunami-Wellen biegen sich die Seitenwände – einer Skateboard-Teststrecke gleich –, die bedrohlichen Aspekte der Handlung vorwegnehmend, in die Richtung der Schauspieler.
Die Tageszeitung, 9. Februar 2007, Heiko Ostendorf

  • 2018. THE WORLD DIES SCREAMING

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  • ANNA POLITKOWSKAJA – EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU

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  • DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK

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  • DER HIMMEL ÜBER DER RUHR

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  • TUVALU – EINE REISE IN DIE WELT DER TRÄUME

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  • MÄNNERHORT

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  • WAISEN

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  • DIE AGONIE UND DIE EKSTASE DES STEVE JOBS

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  • DIE ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT (UA)

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  • DAS MÄDCHEN AUS DER STREICHHOLZFABRIK

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  • BENNBAR – Eine literarisch-musikalische Obduktion

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  • DIE GEHALTSERHÖHUNG

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  • ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

    ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

  • DER GOTT DES GEMETZELS

    DER GOTT DES GEMETZELS

  • DIE FURIEN/DER GROSSE KRIEG/WAS ERNSTES (UA)

    DIE FURIEN/DER GROSSE KRIEG/WAS ERNSTES (UA)

  • MINIDRAMEN

    MINIDRAMEN

  • HELTER SKELTER (UA)

    HELTER SKELTER (UA)

ÜBERSETZUNG

Englisch ⇢ Deutsch // Deutsch ⇢ Englisch

div. Texte (Theaterstücke, Drehbücher, Treatments, Sachtexte, Fernsehbeiträge, Biographien, Pressetexte etc.) für:

Rowohlt Theater Verlag, Felix Bloch Erben – Verlag für Bühne, Film und Funk, Stückemarkt der Berliner Festspiele, Theater Dortmund, International Institute of Political Murder, Zürcher Hochschule der Künste, ITV Studios Germany, Konzert Theater Bern, Hochschule für Musik und Theater München, Mhoch4 – Die Fernsehagentur, Rat&Tat Kulturbüro München, nihao Deutschland, u.a.

Theaterstücke (Auswahl):

Diamond Stars, Maya Arad
Rowohlt Theater Verlag

A Guide To Second Date Sex, Rachel Hirons
Felix Bloch Erben

The Agony and the Ecstasy of Steve Jobs, Mike Daisey
Theater Dortmund

Jonas Jagow, Michel Decar
Stückemarkt der Berliner Festspiele

Der Penner ist jetzt schon wieder woanders!, Juri Steinberg
Stückemarkt der Berliner Festspiele

Der Chinese, Benjamin Lauterbach
Stückemarkt der Berliner Festspiele

Crime or Emergency, Sibyl Kempson

The Furies / The Great War / Falling in Like, Neil LaBute
Theater Bonn, Rowohlt Theater Verlag

Helter Skelter, Neil LaBute
Theater Bonn, Rowohlt Theater Verlag

Essayband herausgegeben zur:

General Assembly, Milo Rau/IIPM
Merve Verlag

LEHRAUFTRÄGE

2010-2017

Universität Bonn, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft

Theaterpraktische Übungen im Bachelor, Praxismodul (Auswahl):

Theaterformen im Praxistext

Vom Konzept zur Aufführung

Mitarbeit an der Performance-Reihe Wirklichkeitstest, Theater Bonn

Theater von innen

Gegenwartsdramatik: Neil LaBute

Bonner Theater im Praxistext

Die Dramatikerin Sibylle Berg

Vom Blatt auf die Bühne

2013

AIB (Akademie für Internationale Bildung)
Theatre Arts Program: Directing for the Stage

VITA

Die Amerikanerin Jennifer J. Whigham ging in Deutschland und England zur Schule und studierte Literaturwissenschaften in Bonn und Málaga. Sie arbeitete als Regieassistentin am Theater Bonn sowie für die Biennale Bonn New York (2004) und Indien (2006). Ihr Regiedebüt gab sie mit der Uraufführung von Neil LaButes Helter Skelter. Es folgten u.a. die Uraufführung Der große Krieg von Neil LaBute, Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels, Bennbar über den Dichter Gottfried Benn und Waisen von Dennis Kelly. Am Theater Dortmund inszenierte sie zudem Mike Daisys Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs sowie Männerhort von Kristof Magnusson.

Seit 2008 Arbeiten für die Duisburger Akzente mit dem Künstler-Kollektiv P E T projects (Places Experiencing Theater), die vornehmlich an außergewöhnlichen Spielorten im Stadtraum realisiert wurden und den Versuch eines Grenzgangs zwischen Theater und Aktionskunst unternahmen. Für diese Projekte, u.a. Das Mädchen aus der Streichholzfabrik nach dem Film von Aki Kaurismäki, Die Entdeckung der Langsamkeit nach Sten Nadolnys gleichnamigem Roman und Tuvalu nach dem Stummfilm von Veit Helmer, entwickelte sie jeweils auch Konzept und Textfassung.

Jen Whigham übersetzt regelmäßig Theater- und andere Texte aus dem Englischen ins Deutsche und umgekehrt, u.a. Stücke von Neil LaBute für den Rowohlt Theaterverlag, den Pegasus Theater- und Medienverlag und den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens.

Seit 2010 arbeitet sie außerdem als Lehrbeauftragte im Institut für Germanistik der Universität Bonn und in der Bonner Akademie für Internationale Bildung, wo sie den Studierenden auf der Basis ihrer Regie- und Übersetzungsarbeit praxisnahe Einblicke in Theaterberufe, -strukturen und -diskurs in Deutschland vermittelt.

KONTAKT

Jennifer Whigham
Mail: jjwhigham [at] rocketmail [dot] com
Phone: (0049) 171 512 00 87